Multi-Energie-Lösungen: Synergien nutzen – Kosten senken

* von Dr. Peter Heuell, CEO Landis+Gyr Deutschland

 

In der Energiebranche beherrschen Smart Meter seit Jahren die Diskussion. Dabei werden die neuen Zähler nicht selten noch immer auf ihr Energiespar-Potenzial reduziert. Auch wenn die Stärkung der Energieeffizienz eine der zentralen Antriebsfedern für die intelligente Messtechnik ist, ist das Potenzial von Smart Metern damit noch lange nicht erschöpft. Stattdessen bedeutet die Vernetzung von Energie- und Informationsfluss eine Zäsur: Mehr Wettbewerb, bisher unbekannte Geschäftsmodelle und das Vernetzen verschiedenster Technologien werden langfristig die Folge sein. Diese Entwicklung wird nicht zuletzt auch durch das zunehmende Engagement branchenfremder Unternehmen belegt: Mit Telekom, Siemens und Cisco Systems sind gleich mehrere international agierende Konzerne auf den Plan getreten. Für die Energieversorger steigt damit der Handlungsdruck. Wer heute nicht die richtige Basis legt, droht in naher Zukunft den Anschluss zu verlieren. Dabei lassen sich die Kosten, die mit den technologischen Innovationen einhergehen, über ein schlüssiges Gesamtkonzept deutlich senken. Insbesondere moderne Multi-Energie-Lösungen versprechen ein beträchtliches Sparpotenzial – und legen gleichzeitig den Grundstein für neue Dienstleistungen und Geschäftsmodelle

 

Nur zögerlich beginnen sich die Gasversorger für das Thema Smart Metering zu öffnen. Während die Anzahl an Pilotprojekten im Strommarkt im vergangenen Jahr kontinuierlich angestiegen ist, haben größere Testläufe für die intelligente Gasmessung noch immer Seltenheitswert. Als Grund hierfür werden die nach wie vor bestehenden Marktunsicherheiten angeführt.

 

Zumindest hinsichtlich der Ausstattung der intelligenten Zähler konnte die Bundesnetzagentur mit ihrem Positionspapier vom Juni 2010 etwas mehr Klarheit schaffen. Demnach müssen die neuen Zähler technisch so beschaffen sein, dass sie sowohl den Verbrauch der letzten 24 Stunden als auch der vergangenen Woche sowie des letzten Monats in Kubikmetern anzeigen können. Auch wenn die Bundesnetzagentur es als ausreichend erachtet, wenn die genannten Werte „ständig oder auf Knopfdruck rollierend in einem elektronischen Display an der Messeinrichtung selbst angezeigt werden“, soll jeder Zähler künftig dennoch mit Kommunikationsschnittstellen ausgestattet werden. Diese sollen es laut BNetzA „bei Bedarf und ohne Wechsel der Messeinrichtung zulassen, einen gewissen Umfang von Daten auf elektronischem Weg zu übermitteln.“ Über diese Schnittstellen soll es dementsprechend künftig möglich sein, Messwerte zum einen an den Netzbetreiber zu übermitteln, sowie zum anderen an ein In-Home Display beim Anschlussnutzer. Auf Basis des Positionspapiers erarbeitet die Deutsche Vereinigung des Gas- und Wasserverbandes (DVGW) aktuell ein Lastenheft für einen EDL-Zähler Gas.

 

Senkung des Gasverbrauchs um 7%

 

Mit der Datenübertragung soll laut BNetzA gewährleistet werden, dass die Messdienstleister ihren Kunden Verbrauchsdaten „auf vielfältige Art und Weise individuell zugänglich machen“ können. Ob Zähler-LCD, Internetportal oder In-Home Display: Wie auch beim Strom gilt die Maxime, dass seinen Gasverbrauch nur senken kann, wer diesen auch kennt. So legt beispielsweise PricewaterhouseCoopers bei einer Kosten-Nutzen-Analyse, die im Auftrag des österreichischen Regulators E-CONTROL durchgeführt wurde, ein Einsparpotenzial von sieben Prozent zugrunde. Die Einsparungen, die sich über entsprechende Feedback-Systeme realisieren lassen, werden damit doppelt so hoch angesetzt wie dies beim Strom der Fall ist. Demnach sei davon auszugehen, dass „Einsparpotenziale im Bereich der Raumwärme (und damit implizit auch für den Gasverbrauch) weitaus höher und leichter zu realisieren sind, als im Fall von Strom.“ So würden zur Hebung des Energieeffizienzpotenzials bereits einfache Maßnahmen und Verhaltensänderungen ausreichen, wie z.B. die Reduktion der durchschnittlichen Raumtemperatur, richtiges Lüften, einfaches Abdichten von Fenstern und Türen, kein Verstellen der Heizköper, kein Heizen von unbenutzten Räumen etc.

 

Die genannte E-CONTROL-Studie wurde durchgeführt, um verschiedene Szenarien zur Einführung von Smart Metern nach einer strengen Kosten-Nutzen-Analyse zu bewerten. Die Smart Meter-Einführung bringt demnach aus volkswirtschaftlicher Sicht bei allen untersuchten Szenarien immer einen Gesamtnutzen. Gleichzeitig konnte hinsichtlich der Kosten festgestellt werden, dass sich diese über einen Multi-Energie-Ansatz nachhaltig senken lassen. Im Hinblick auf die Installation sei auch „bei einem flächendeckenden Einbau der Zähler, ein Multi-Utility-Ansatz zu bevorzugen, um die Installationskosten so gering wie möglich zu halten.“ Darüber hinaus könne man auf diese Weise „Synergieeffekte bei der Installation, Datenübertragung und Verwaltung“ nutzen.

 

Multi-Energie-Lösungen: Architekturen und Spar-Potenzial

 

Bei einer Multi-Utility- bzw. Multi-Energie-Lösung werden die Verbrauchs- und Messdaten von mindestens zwei verschiedenen Energieträgern über ein Kommunikationssystem übertragen, so z.B. wenn der Gas-Verbrauch über das Kommunikationsmodul des Stromzählers übermittelt wird. Die Synergieeffekte sind dabei umso größer, je mehr Energieträger (Strom, Gas, Wasser und Wärme) ein und dieselbe Kommunikations-Infrastruktur nutzen. Hierbei sind zwei verschiedene Architekturansätze denkbar: Zum einen kann der Stromzähler als Ausgangspunkt genutzt werden. In diesem Fall erfasst und speichert der Stromzähler als Hauptgerät gleichzeitig die Verbrauchs- und Messdaten der übrigen Zähler. Alternativ kann ein Kommunikations-Hub oder ein separates Gerät wie z.B. Kommunikationsmodule, MUC, MUS etc. zum Einsatz kommen. Diese Datenerfassungsgeräte sammeln die Messdaten aller angeschlossenen Multi-Energie-Geräte und übertragen diese an den Versorger. Die verschiedenen Datentypen können dabei problemlos in unterschiedlichen Abständen gemessen werden, so kann z.B. der Stromsverbrauch in einer 15-Minuten-Taktung ermittelt werden, während der Gasverbrauch nur im Stunden-Rhythmus gespeichert wird.

 

Dadurch, dass nicht für jeden Zähler ein eigenes Kommunikationsmodul installiert werden muss, lassen sich sowohl die Hardware- als auch die Kommunikationskosten deutlich senken. Allein über die Synergieeffekte bei der Hardware lassen sich Einsparungen von bis zu 100 Euro pro Messpunkt erzielen.

 

Weitere Einsparpotenziale lassen sich erzielen, wenn die Daten der verschiedenen Energieträger in einem einzigen, Multi-Energie-fähigen AMM (Advanced Meter Management)-System verarbeitet werden. Zum ersten können die Kosten für die IT-Infrastruktur minimiert werden, da nur ein System implementiert und integriert werden muss. Auch die Kosten für die Lizenzierung sowie die Wartungskosten fallen damit jeweils nur für ein statt für zwei oder gar mehr Systeme an. Werden sämtliche Messdaten mit demselben System verarbeitet, reduzieren sich zum anderen automatisch sowohl die Schulungskosten als auch der tägliche Aufwand für die Systemüberwachung. Zudem werden sämtliche Berichte für alle Energieträger in einem einheitlichen Format erstellt, so dass im Weiteren keine Daten aufwändig integriert werden müssen.

 

Neue Dienstleistungen dank Datenbündelung

 

Über das Auslesen und Verwalten der Verbrauchsdaten von Gas, Strom, Wasser und Fernwärme in einem System werden aber nicht nur wirkungsvoll teure Redundanzen vermieden. Darüber hinaus bietet ein Multi-Energie-System aufgrund der Datenbündlung zahlreiche Ansätze für neue Dienstleistungen und Geschäftsmodelle. Dadurch, dass alle Daten in einem System zur Verfügung stehen, lassen sich völlig neue Kundengruppen mit einem ähnlichen Verbrauch bei verschiedenen Energieträgern zusammenfassen. Versorgungsunternehmen, die auf einen Multi-Utility-Ansatz setzen, können künftig vielfältige Produkte und Dienstleistungen anbieten, in denen die unterschiedlichen Energieträger quasi in einem Gesamtpaket kombiniert werden. Gleichzeitig lässt sich die Geschwindigkeit und Qualität des Kundenservices verbessern, da die Mitarbeiter über ein System Zugriff auf alle Informationen haben. Dienstleistungen können aber nicht nur mit Blick auf den Endkunden, sondern ebenso für andere Marktteilnehmer entwickelt werden, in dem diesen z.B. Ablese- oder Controllingdienste angeboten werden. So könnte beispielsweise ein Stromversorger zusätzlich die Gaszähler seiner Kunden auslesen und die Verbrauchsdaten dem entsprechenden Gasversorger zur Verfügung stellen.

 

Um ein umfassendes Multi-Energie-System aufzubauen, müssen verschiedene Voraussetzungen erfüllt sein. Zentrale Basis ist die Ausstattung sämtlicher Zähler der Multi-Energie-Umgebung mit bidirektionalen Schnittstellen. Die Messgeräte sollten darüber hinaus neben den Verbrauchswerten auch Netzqualitätsdaten (Informationen zu Stromausfällen etc.) sowie Ereignis- und Statusdaten der Zähler selbst erfassen können. Darüber hinaus muss das Hauptgerät über genügend Register für die Datenarten sowie über ausreichend Speicherkapazität verfügen, um die verschiedenen Daten zu erfassen. Wichtigste Voraussetzung aber ist die Interoperabilität der jeweiligen Zähler. Der Einsatz offener Industriestandards ermöglicht Versorgern die freie Gerätewahl sowie die Integration der Komponenten verschiedener Hersteller.

 

Fazit

 

Die Bundesnetzagentur bezieht in ihrem Positionspapier eindeutig Stellung: Gas-Zähler müssen künftig mit bidirektionalen Schnittstellen ausgestattet werden. Spätestens mit diesem Papier ist nun auch für die Gasversorger der Smart Metering-Startschuss gefallen. Um das Potenzial zu heben, das insbesondere Multi-Energie-Lösung sowohl hinsichtlich Kosteneinsparungen als auch in Bezug auf neue Dienstleistungen bieten, müssen Gasversorger heute die richtigen Weichen stellen. Wer es jetzt versäumt, ein schlüssiges und zielgerichtetes Gesamtkonzept zu entwickeln, wird im besten Fall nur mit Mehrkosten und Doppeltausgaben zu kämpfen haben. Im schlimmsten Fall wird er vom Wettbewerb abgehängt. Für Gasversorger bedeutet dies: Jede Investition muss auf ihre Zukunftsfähigkeit geprüft werden. Sicherheit bieten hierbei insbesondere modulare Konzepte, in denen z.B. die Kommunikationstechnologie – und damit auch der Kommunikationsstandard – bei Bedarf ohne ein Auswechseln der Messeinheit ausgetauscht und neuen Anforderungen angepasst werden können.

 

Noch gibt es in Deutschland nur wenige Beispiele laufender Multi-Energie-Systeme, in denen das Potenzial der gemeinsamen Datenauslesung, -übertragung und -verwaltung voll ausgeschöpft wird. Hier hilft ein Blick ins Nachbarland: Frei von regulatorischen Zwängen wurden in Dänemark landesweit Multi-Energie-Systeme für Strom, Gas und Wärme eingeführt. Ebenso wie in der E-CONTROL-Studie fällt auch hier die Kosten-Nutzen-Bilanz eindeutig positiv aus.

11-2010

Dr. Peter Heuell CEO von Landis+Gyr Deutschland

Dr. Peter Heuell

CEO von Landis+Gyr Deutschland

 

Landis+Gyr zählt zu den weltweit führenden Anbietern integrierter Energiemanagement-Lösungen und verfügt über ein umfassendes Portfolio an Produkten und Dienstleistungen im Bereich Strom-, Heizungs- und Gaszähler. Das Unternehmen beschäftigt über 5.000 Mitarbeiter und führt über 44 Niederlassungen in mehr als 30 Ländern.

 

 

 

 

www.landisgyr.com

Smart Metering

Smart Metering gewinnt an Bedeutung und der Einsatz von Smart Meter Geräten bzw. intelligenten Zählern ist vorgegebenes Ziel der Politik. Entsprechende Normen und Sicherheitsanforderungen werden derzeit definiert und SmartMetering soll den Anbietern und Verbrauchern die intelligente Nutzung von Energie ermöglichen. Hauptziel ist der Aufbau von intelligenten Netzen, den SmartGrids , was ohne SmartMetering nicht denkbar ist.